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Frischzellenkur fürs Tafelwerk

Neuartige Ertragstafeln erlauben zeitgemäße Forstplanung

Forstbetriebe können ab sofort anhand anwenderfreundlicher Ertragstafeln Waldbewertungen vornehmen und Nutzungsoptionen für ihre Bestände vergleichen. Die zeitgemäßen Planungshilfen wurden im VerbundprojektNeue Generation dynamischer Ertragstafeln“ mit Fördermitteln aus dem Programm „Nachwachsende Rohstoffe“ des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft entwickelt. 

Mit ihrem Ertragstafelwerk für die Hauptbaumarten Eiche, Buche, Fichte, Kiefer und Douglasie legen die Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt Göttingen und die Abteilung Forstökonomie und Forsteinrichtung der Fakultät Forstwissenschaften und Waldökologie an der Georg-August-Universität Göttingen die Grundlage für eine vierte Generation von Ertragstafeln zur Waldbewertung und Abschätzung der nachhaltigen Nutzungsmöglichkeiten.

Grundidee der neuartigen, „dynamischen“ Ertragstafeln ist die periodische Überarbeitung des Tafelwerkes in relativ kurzen Zeitintervallen von 10 bis 20 Jahren. Bei jeder Überarbeitung sollen methodische Fortschritte genutzt und veränderte Umweltbedingungen mit ihren Auswirkungen auf die Standort-Leistungs-Beziehungen berücksichtigt werden.

„Klimabedingte längere Vegetationszeiten, vielerorts verbesserte Bodenfruchtbarkeit und moderne Waldbewirtschaftungskonzepte lassen die Bäume heute höher wachsen und mehr an Volumen zulegen als in den bisher gebräuchlichen Ertragstafeln verzeichnet“, erklärt Projektleiter Prof. Hermann Spellmann von der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt (NW-FVA).

Die modellbasierten Ertragstafeln erlauben realitätsnähere Durchmesserschätzungen und widerspiegeln altersabhängig das aktuelle Zuwachsniveau in gleichaltrigen Reinbeständen. Außerdem ermöglichen sie die ökonomische Bewertung und Ableitung betrieblicher Erfordernisse bei der von der NW-FVA empfohlenen gestaffelten Hochdurchforstung der Waldbestände bis zur Ernte. „Anhand der langfristigen Wertentwicklungen sollen nachhaltige Betriebsmodelle entwickelt werden, die Aussagen über Normalvorräte, Vorratswerte, nachhaltige Nutzungsmöglichkeiten und nachhaltige betriebliche Erträge, Aufwendungen und Reinerträge ermöglichen“, erläutert Projektleiter Prof. Bernhard Möhring von der Uni Göttingen.

Die anwenderfreundlich an die zuletzt 1995 aufgelegte Ertragstafelsammlung von Schober angelehnten „dynamischen“ Ertragstafeln wurden mit Hilfe des einzelbaumbasierten Waldwachstumssimulators der NW-FVA erstellt. Aufbauend auf realen Versuchsflächendaten wurden Bestände simuliert, mit dem Einzelbaumwachstumssimulator TreeGrOSS der NW-FVA für 30 Jahre fortgeschrieben und anschließend über ein System von biometrisch-statistischen Funktionsgleichungen in das Tafelwerk überführt. Erreichbar sind die neuen Ertragstafeln hier:
https://www.nw-fva.de/unterstuetzen/waldpflege-und-nutzung/neue-ertragstafeln

Daneben entwarfen die Projektbeteiligten auf den Simulationsdaten basierende, mit den Ertragstafeln korrespondierende Bestandssortentafeln zur Abschätzung der Holzsortimente. Die Bestandssortentafeln müssen allerdings zunächst an realen Waldbeständen oder Einschlagsdaten validiert werden.Für die Herleitung der Güteklassenverteilung bei den Laubbaumarten Eiche und Buche sehen die Projektbeteiligten vor der Veröffentlichung der Bestandssortentafeln außerdem weiteren Forschungsbedarf.

Hintergrund:

Mit der Etablierung des Grundsatzes der Nachhaltigkeit in der Waldbewirtschaftung 1713 durch den sächsischen Berghauptmann Carl von Carlowitz entstand das Bedürfnis, die Zuwächse von Waldbeständen und ihr nachhaltiges Nutzungspotential zuverlässig und einfach schätzen zu können. Forstmann Johann Christian Paulsen stellte 1795 für verschiedene Reinbestände Alter, Höhe, Stammzahl, Vorrat und Zuwachs in Tabellen gegenüber. Die Tabellen gelten als älteste deutschsprachige Ertragstafeln und als Grundstein für die erste Ertragstafelgeneration.

Der Übergang zu intensiveren Durchforstungskonzepten im 19. Jahrhundert läutete die zweite Ertragstafelgeneration ein. In den 1870er und 1880er Jahren einigte man sich auf Eckpunkte, die Erscheinungsbild, Datengewinnung und Konstruktionsmethodik forstlicher Ertragstafeln vereinheitlichte und ihre Vergleichbarkeit erhöhte. Die weiter gewachsene Datengrundlage führte zur Veröffentlichung wegweisender Ertragstafeln, etwa der 1880 „im Auftrage des Vereins deutscher forstlicher Versuchs-Anstalten“ von Wilhelm Weise vorgelegten „Ertragstafeln für die Kiefer“.

Die Zusammenführung bereits existierender Ertragstafeldaten über mathematische Modelle 1923 markierte den Beginn der dritten Ertragstafelgeneration. In den 1950er und 1960er Jahren gewann die EDV-gestützte Auswertung der Ausgangsdaten an Bedeutung. Das 1963 aufgelegte Ertragstafelwerk von Assmann und Franz gilt als wichtige Basis zahlreicher Ertragstafelwerke im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts. Die im nordwestdeutschen Raum bedeutendste und bis heute genutzte Ertragstafelsammlung stammt von Reinhard Schober (1975 und 1995).

Ertragstafeln sind auch heute für viele Forstbetriebe das Fundament für eine nachhaltige Nutzungsplanung. Sie stellen eine objektive und nachvollziehbare Besteuerungsgrundlage dar und dienen der Waldbewertung als Referenz. Viele heute gebräuchliche Ertragstafeln sind aufgrund veränderter Wachstumsbedingungen und neuer waldbaulicher Bewirtschaftungskonzepte jedoch veraltet. Mit der neuen Ertragstafel des Verbundvorhabens „dyn-ET“ wird der Weg frei für eine vierte Generation dieses wichtigen forstlichen Planungsinstrumentes.

Die FNR ist seit 1993 als Projektträger des BMEL für das Förderprogramm Nachwachsende Rohstoffe aktiv. Sie unterstützt außerdem Forschungsthemen in den Bereichen nachhaltige Forstwirtschaft und innovative Holzverwendung.

Zugehörige Dateien:

Verbundvorhaben: Neue Generation dynamischer Ertragstafeln (Akronym: dyn-ET)

Teilvorhaben 1: Dynamische Ertragstafeln, Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt Göttingen
https://www.kiwuh.de/index.php?id=13475&fkz=22027816

Teilvorhaben 2: Ökonomische Bewertung; Georg-August-Universität Göttingen – Fakultät für Forstwissenschaften und Waldökologie, Burckhardt-Institut-Forstökonomie und Forsteinrichtung
https://www.kiwuh.de/index.php?id=13475&fkz=22027916

Abschlussbericht:https://www.fnr.de/ftp/pdf/berichte/22027916.pdf

Fachlicher Ansprechpartner:
Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e. V.
Dr. Dr. Matthias Noack
Tel.:    +49 3843 6930-321
Mail:   m.noack(bei)fnr.de

Pressekontakt:
Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e. V.
Martina Plothe
Tel.:     +49 3843 6930-311
Mail:    m.plothe(bei)fnr.de

PM 2022-72

Erstellt von Martina Plothe
Altersverlauf der Gesamtwuchsleistung gemäß der neuen Buchenertragstafel, gestaffelte Durchforstung für die 0., I. und II. Ertragsklasse (durchgezogene Linien) und als Referenz die Verläufe laut Buchenertragstafel Schober (1967), mäßige Durchforstung (gestrichelte Linien). Grafik: NW-FVA/ Dr. Matthias Albert

Altersverlauf der Gesamtwuchsleistung gemäß der neuen Buchenertragstafel, gestaffelte Durchforstung für die 0., I. und II. Ertragsklasse (durchgezogene Linien) und als Referenz die Verläufe laut Buchenertragstafel Schober (1967), mäßige Durchforstung (gestrichelte Linien). Grafik: NW-FVA/ Dr. Matthias Albert

Konstruktionsprinzip der neuen Ertragstafelgeneration als Kombination aus Versuchsflächenbeobachtungen und Waldwachstumssimulationen. Grafik: NW-FVA/ Dr. Matthias Albert

Konstruktionsprinzip der neuen Ertragstafelgeneration als Kombination aus Versuchsflächenbeobachtungen und Waldwachstumssimulationen. Grafik: NW-FVA/ Dr. Matthias Albert

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